Klipp und Klar am 22.08.06

Klipp und Klar am 22.08.06 - Moderatorin Karla Kniestedt

Sehr geehrte Damen und Herren,

diese Talkshows, in denen immer über die angeblich fehlende Arbeitsbereitschaft bei den Arbeitslosen gesabbert wird, sind ein besorgniserregendes Spiegelbild vom verkorksten Zustand dieser unserer Gesellschaft und des beängstigenden Fortschritts des Verfalls der Moral bei den Bürgern. Sie zeigen eher unbeabsichtigt, wie Menschen sich ohne eine Spur von Peinlichkeit und Anstand über legitime, ganz natürliche Verhaltensweisen von Menschen in Situationen und angesichts bestimmter Herausforderungen herfallen, um die sie weder diese selbstgerechten Nadelstreifenhörnchen noch irgend einer von denen, die noch davon verschont sind, beneiden würden.
In solchen Talkshows erlebt der aufmerksame, sensibilisierte Zuschauer elende Heuchelei und Menschenverachtung und Unvermögen zur Ehrlichkeit in Reinform. Hier wird sichtbar, wie hochgradig die Diskrepanz zwischen der dargestellten und der tatsächlich gegebenen Wirklichkeit ist (Schlagwort Lebenswirklichkeit). Für wie blöde halten diese Herrschaften eigentlich das Volk? Offensichtlich für blöde genug, um davon ausgehen zu können, als dass sie nicht erkannt werden als solche die sie sind: Weltfremde Lügner und Wortverdreher, Ehrabschneider und skrupellose Egoisten. Ihr Gredo: Alles Menschliche ist uns fremd.

Jedes Jahr das gleich leidige Thema in den Talkshows der TV-Journalisten: Die legendären Gurkenflieger im Spreewald und die Gefechte der Gurkenbauern gegen die arbeitsscheuen Elemente in Gestalt von schlecht gelaunten Arbeitslosen. Als hätte der Spreewald nicht wirklich Interessantes und Schönes zu bieten. Eine der Moderatorinnen befragte einen intelligent wirkenden Teilnehmer dieser Show provokativ danach, ob er denn bereit wäre, 8 oder noch mehr Stunden auf dem Bauch liegend die Gurken vom Bauern sowieso vom Feld zu pflücken. Und der, völlig überrumpelt, benutzte auch prompt jene Vokabel, die während des Weisheitsaustausches bei den im beeindruckenden Managerlook anwesenden "Ehrengästen" wie ein Hackebeil herumgereicht wurde: Zwang. Der Überrumpelte sagte tatsächlich, er würde diese Arbeit machen nur unter Zwang. Ehrliche Menschen würden sich an dieser Stelle und im Wissen darum, worum es geht, mit dieser Aussage solidarisieren können. Nicht aber diejenigen in der Klipp und Klar Runde, denen sich eine solche Situation nicht stellt.

Die Frage, ob jemand bereit ist, eine unbestreitbar unattraktive Arbeit, die noch dazu und vor allem ganz mies, geradezu sittenwidrig und beleidigend bezahlt wird, nur unter Zwang leisten würde, kann und darf jeder nur für sich selber beantworten. Übrigens, eine Arbeit ist nach meiner Auslegung in jedem Fall sittenwidrig, wenn der Erlös daraus nicht genügt, das Leben des Betreffenden und seiner Familie zu ermöglichen.

Es ist absolut charakterlos, von anderen zu erwarten, dass sie genau das tun, was man sich selber auf gar keinen Fall zumuten würde und sich wünscht, dass das von einem auch nicht verlangt oder gar erzwungen werden würde. - Würde. Dieser Begriff kommt in solchen Talkshows doch jedes Mal zu kurz, mehr noch, er findet gar keine Beachtung. Dass die Arbeitslosen, auch die Langzeitarbeitslosen aber genau das haben, was man für sich selber glaubt zu haben und verteidigen zu müssen, nämlich Menschenwürde, wird gnadenlos ignoriert, es sei denn, man kann auf ihr ungestraft herumtrampeln.
Die Würde derer verteidigen, die Anfeindungen von allen Seiten chancenlos ausgesetzt sind? i Wo, das ist nicht unsere Aufgabe. Solch ein asoziales Verhalten dieser Ignoranten ist genau die Struktur, die, um hier mal weit auszuholen, z. B. die erbärmlichen Verbrechen der Nazis ermöglichte und das menschenverachtende Unrechtssystem der DDR.

Im ersten Beispiel wurde alles, was dem Größenwahn der Nazis irgendwie im Wege stand, als Volksschmarotzer und unwertes Leben abgestempelt und ausgemerzt, im zweiten Fall wurden Menschen, die die Respektierung ihrer Menschenwürde einforderten und solche, die sich diesem Regime durch Arbeitsverweigerung unliebsam machten, kurzerhand eingesperrt, gelegentlich auch mal umgebracht. Ermöglicht wurde dieses Treiben der "Staatslenker" auch dadurch, dass die Bevölkerung den berüchtigten Affen mimte: Nichts sehen, nichts hören, von nichts gewusst haben wollen.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Das Wehgeschrei, das grässliche Wehklagen darüber, dass Menschen, die doch ausschließlich vom Geld anderer Leben, nicht bereit sind, ihre verdammte Würde mit Füßen treten zu lassen und es daher ablehnen, für einen sittenwidrigen Lohn zu arbeiten, auch wenn sie sich doch jedes Mal vorhalten lassen müssen, dass sie doch dazu noch Arbeitslosengeld bezögen, ganz umsonst, für dass andere für sie schwer Rackern müssten.

Wie lassen sich solche beleidigenden Vorhaltungen überhaupt noch toppen? Eine Möglichkeit: Die Lebenssituation derjenigen armen Schweine heranziehen und diese dem Arbeitslosen an den Kopf werfen, die für noch weniger als das Arbeitslosengeld 2 tagtäglich in irgendeiner Knochenmühle eines rücksichtslosen, raffgierigen Arbeitgebers schuften und trotz Arbeit nicht in der Lage sind, die Kosten für ihren selbst bescheidenen Lebensunterhalt vollständig selber aufzubringen. Auch diese Arbeitnehmer müssen trotz Arbeit zum Überleben die ehrabschneidenden Almosen der besser bezahlten Arbeitnehmer - Schlagwort Leistungsträger - erbetteln und sich demütigen lassen. Genannt sei hier z. B. das Wohngeld.

Auch die verlogene Alternative "Kombilohn" der CDU ist doch Augenwischerei. Einmal behaupten die Verfechter dieser Scheinlösung, die dadurch in Arbeit kommenden Menschen würden wieder Selbstwertgefühle bekommen und zum andern das Gefühl, Arbeit würde sich doch lohnen; und die gäbe ihnen ihre Würde zurück. Würde zurück? Heißt doch, dass die ihnen vorher genommen worden ist.
Bei Ihrer Argumentation verschleiern diese Heuchler beflissentlich den Umstand, dass diese Menschen eben nicht durch die Akzeptanz des Kombilohnes wieder vollwertige Mitglieder dieser ehrenwerten Gesellschaft sind, sondern nach wie vor geächtete, beschimpfte, verdächtigte Bezieher von (Schlagwort) Transferleistungen. Und sie dümpeln trotz Kombilohn am untersten Niveau des deutschen Lebensstandards. Eines müssen wir endlich zur Kenntnis nehmen: Arbeitslose sind zwar arbeitslos, aber nicht ehrlos, nicht würdelos!

Das verlogene Gerede um die Freiwilligkeit der Entscheidung des Arbeitslosen, ob er oder ob er nicht, ist ebenfalls gekennzeichnet von halbherziger Wahrheit. Wo bleibt denn die Freiwilligkeit, wenn die Entscheidungsalternative lediglich ist, entweder im individuellen Fall einen unzumutbaren Job trotzdem anzutreten oder kurzerhand das ALG2-Geld nicht mehr zu erhalten, den Betrag nämlich, der zur Aufrechterhaltung der eigenen Existenz unverzichtbar ist. Ein Ausweichen in einen anständig entlohnten steuer- und sozialabgabenpflichtigen Job ist angesichts der Arbeitsmarktsituation bei aller Augenwischerei und allem Verbreiten von falschem Optimismus nicht drin. Wer also eine aus vielerlei Gründen unzumutbare Arbeit trotzdem leistet, der beugt sich und leistet Zwangsarbeit, so klipp und klar ist das! Da kann man es drehen und wenden wie man will. Existenzangst als Druckmittel. Das gibt es bekanntlich auch in den "unschuldigsten" Unternehmungen.

Immer mehr wird verdrängt und unterschlagen, dass auch Langzeitarbeitslose in der Zeit ihrer Erwerbsarbeit Beiträge in die Arbeitslosenversicherung geleistet und damit einen gewissen Anspruch auf Versicherungsleistungen aus eben dieser Arbeitslosenversicherung erworben haben. Die geleisteten Versicherungsbeiträge waren und sind die Voraussetzung dafür, dass dem Arbeitslosen über die Zeit der Zahlung von Arbeitslosengeld hinaus der Anspruch auf Lebenssicherung durch die Zahlung von Arbeitslosenhilfe zustand. Im Gegensatz dazu hatten die Empfänger von Sozialhilfe deshalb keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, weil eben keine Beiträge in die Arbeitslosenversicherung leisten konnten.
Das ist der entscheidende Unterschied zwischen der Leistung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe. Zielgerichtet wurde dieser wichtige Unterschied immer mehr verwischt und schließlich ganz aufgehoben. Für mich erfüllt das den Tatbestand dessen, was juristisch wie moralisch eigentlich als Betrug und Unterschlagung bezeichnet wird. Übrigens wird auch jetzt noch den ALG2 -Empfängern ein gewisser Beitrag in die Arbeitslosenversicherung abgezogen, nur hat man diesem Abzug inzwischen einen anderen Namen gegeben.

Schon vor der Wende hatten die vermeintlichen Volksparteien CDU/CSU und die FDP im Verbund mit den Arbeitgebern immer wieder vehement versucht, die Arbeitslosenhilfe abzuschaffen. Damals scheiterten diese Versuche allerdings an der SPD, die mit offensichtlich unwiderlegbaren Argumenten diesen Angriff auf einen wichtigen Bestandteil des Sozialstaates abwehren konnte. Es wurde argumentiert, dass die Arbeitslosenhilfe ein Rechtsanspruch aus der Zahlung von Beiträgen des Arbeitnehmers in die Arbeitslosenversicherung ist. Und somit blieb die Arbeitslosenhilfe das was sie auch war, und zwar so lange, bis findige Hütchenspieler den Dreh herausfanden, wie man trotz der bis dato eindeutigen Rechtslage aus der Arbeitslosenhilfe eine Sozialhilfe machen konnte. Zusammengefasst: aus einer Leistung, die aus der Arbeitslosenversicherung resultierte wurde eine Steuer finanzierte, freiwillige Sozialleistung des Staates gemacht, das Arbeitslosengeld 2. So wurden ausgerechnet unter der Anleitung des Juristen und Sozialdemokraten G. Schröder aus Arbeitslosengeldempfängern kurzerhand beschenkte, alimentierte Sozialhilfeempfänger gemacht.

Abschließend noch zu der klugen Festsstellung eines der Gemüsebauern, die Landwirtschaft könne nicht das leisten, was die Politiker und Bürokraten erwarten. Mehr als vier Millionen Arbeitslose sind einfach vier Millionen Arbeitskräfte zu viel auf den vergleichsweise kleinen Anbauflächen für Spargel, Gurken, Beeren und sonstiges Fallobst. Nicht einmal ansatzweise sind solche fragwürdigen Arbeitseinsätze auf den Feldern privater Bauern - also nicht auf den gemeinnützigen Feldern der Gesellschaft - in der Lage, sozialpolitische wie arbeitsmarktpolitische Probleme zu lösen oder abzumildern.
Diese Erkenntnis hatte sich am Schluss des Palavers um Sein oder Nichtsein der anderen wider Erwarten doch noch Gehör verschafft, zumindest bei mir. Bleibt nur die schlussfolgernde Frage, warum dann solche landwirtschaftlichen Einsätze für TV-Journalisten immer wieder dafür herhalten müssen, die Arbeitslosen zu verunglimpfen, zu demütigen und als alimentierte, arbeitsscheue Abkassierer hinzustellen. Plattes Motto: Reich durch Hartz4.

Klaus - 22.08.06

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