eMail-Antwort vom 21.07.06 vom Abteilungs- und Projektleiter SÜDWESTRUNDFUNK

Klaus hat folgendes geantwortet:

Erntehelfer und deren Menschenwürde

In der Sendung Schlaglicht, Wiederholung am 20.07.06 auf ExtraPlus.

Arbeitslose Erntehelfer auf den Gemüsefeldern skrupelloser Bauern.

Die Erntehelfer aus Ostdeutschland werden in lagerartigen Unterkünften zusammengepfercht. Baracken-Image. Was aber noch menschenverachtender ist: Frauen und Männer wird zugemutet, in einem Raum Bett an Bett zu schlafen. Das nenne ich Persönlichkeitsverletzung pur! Das gab es seinerzeit nicht einmal in den deutschen Arbeitslagern der Nazis (nicht weit entfernd von den KZs). Wie Betroffene weiter berichteten, standen ihnen weder ein Kühlschrank zur Aufbewahrung von Lebensmitteln noch Herdplatten zum Zubereiten von Mahlzeiten zur Verfügung.

Wer anderen zumutet, unter derartigen menschenverachtenden Bedingungen dahin zu vegetieren, ist nicht besser als jene skrupellosen Bauern, die Menschen wie Sklaven behandeln. Arbeitszeiten von 14 bis 16 Stunden waren selbstverständlich, die geringe Entlohnung ebenso.

Die Bedingungen, unter denen sich die Erntehelfer dort einbringen sollten, waren derart unzumutbar, dass sich der Vergleich mit Verhältnissen aus unserer dunklen Geschichte geradezu aufdrängt. Ich habe hier die Bilder vor Augen, die uns Eindrücke von den herrschenden verabscheuungswürdigen Verhältnissen in den deutschen Arbeitslagern der Nazis vermitteln. So weit sind wir also schon wieder.

Und die Journaille? Reporter kommentieren die Bilder mit dem Hinweis darauf, dass die Erntehelfer aus Ostdeutschland kein Durchhaltevermögen besitzen und suggerieren dem Zuschauer, dass sie eben doch nicht arbeiten wollen.

Kein kritisches Wort darüber, unter welchen erniedrigenden Bedingungen die Betroffenen gezwungen worden sind, sich mit ihrer Arbeitskraft diesen gewissenlosen Bauern hinzugeben. Kein kritisches Wort gegen diese schamlosen Ausbeuter und Menschenverächter.

Absolut sträflich wie verachtenswert ist auch die Gleichgültigkeit des persönlich anwesenden Arbeitsvermittlers von der Arbeitsagentur. Ihm war völlig klar, welchen Unzumutbarkeiten er diese Menschen auslieferte. Gewissen und Verantwortungsbewusstsein ist offensichtlich immer noch Mangelware bei Leuten, die eine gewisse Macht über andere und Instrumentarien gegen diese in Händen halten. Wenn sie eines Tages dafür zur Verantwortung gezogen werden, flüchten sie sich bekanntlich in die Ausrede, sie hätten nur ihre "Pflicht" erfüllt. Das alles kennen wir aus unserer Geschichte zur Genüge.

Klaus - 20.07.06

eMail-Antwort vom 21.07.06 vom Abteilungs- und Projektleiter SÜDWESTRUNDFUNK

...vielen Dank für Ihre Zuschrift vom 20.07.06.

Unsere Reportage "Acker(n) > Nein Danke" hat bei vielen Zuschauern eine kontroverse Diskussion ausgelöst. Die meisten haben das Stück als Beitrag begriffen, in dem ein> Stück (herber) Arbeitsalltag beschrieben wird. Die Autorinnen haben diese Welt aus der Perspektive der Erntehelfer, der Bauern und der Arbeitsvermittler erzählt.

So ist eine beeindruckende Reportage entstanden, die mitunter beklemmend wirkt.> Dies trifft insbesondere auf die unwürdige Unterkunft zu, die den ostdeutschen Erntehelfern auf einem der Höfe zugemutet wird. Beklemmend> wirkt auf den Zuschauer auch das Scheitern mancher Erntehelfer zu erleben, die offensichtlich körperlich mit den Arbeitsbedingungen überfordert sind.

Dennoch würde ich diese Verhältnisse nicht in die Nähe derer von Arbeitslagern der Nazis rücken. Dort gab es - und das müssten Sie eigentlich wissen - kein Entkommen.

Wenn Sie schließlich unterstellen, unsere Reporterinnen hätten die Bilder mit Hinweis auf mangelndes Durchhaltenvermögen der Erntehelfer aus Ostdeutschland kommentiert, so ist dies falsch. Auch kann ich Ihrem Vorwurf nicht folgen, in der Reportage werde Arbeitsunwilligkeit suggeriert.

Mit freundlichen Grüßen, ... -Abteilungs- und Projektleiter- SÜDWESTRUNDFUNK

Klaus hat folgendes geantwortet:

Hallo ...,

nett, dass Sie geantwortet haben. Begriffsstutzigkeit kann ich mir eigentlich nicht bescheinigen. Ich habe zwar durchaus den schwachen Versuch in Ihrer Reportage wahrgenommen, auch ein klein wenig die Schattenseiten von Saisonarbeit durchgucken zu lassen, aber...
Sie schreiben, der Unterschied sei im Vergleich zu den Arbeitslagern der Nazis, ...die Opfer hätten dort nicht ausweichen können. - Aber wohin sollen die vorgeführten Arbeitslosen denn ausweichen? Lehnen sie diese Demütigung ab, gibt es kein Geld zum Überleben. Denn wir wissen doch alle sehr genau, wie aussichtslos es ist, auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich menschenwürdig unterzukommen. Nur bei Ihnen ist diese Botschaft noch nicht angekommen.

Den von mir verwendeten Vergleich halte ich schon aus einem weiteren Grund für völlig angebracht und notwendig. Was sich inzwischen in dieser Republik abspielt - vor allem unterstützt durch die Medien - ist die Vorbereitung der Bevölkerung auf das, was meiner Meinung nach in Deutschland wieder salonfähig werden soll: Ausgrenzung von Menschen, Zwangsarbeit, Arbeitslager, Ausmachen und Vernichtung von Schmarotzern, wenn's denn sein muss.

Ob Sie das nun für übertrieben halten oder nicht. Als die Weimarer Republik den Bach runter ging, konnten sich unsere Landsleute auch nicht vorstellen, dass sie einmal andere Menschen zu tiefst beleidigen, demütigen, verachten, diffamieren und sogar daran beteiligt sein würden, sie umzubringen. Für mich ist es an der Zeit einzuwenden: Wehret den Anfängen!

Dass es sich übrigens bei den Machern des von mir kritisierten Berichtes um Frauen handelt, könnte die These stärken, Frauen seien besonders kaltherzig und grausam, wenn sie hassen.

Zu dem, was Sie nicht verstanden haben...
in der Reportage werde Arbeitsunwilligkeit suggeriert - meine ich nicht, Sie wollten den entwürdigten Erntehelfern beistehen und ihnen empfehlen, diese Arbeit unter derartig antiquierten, längst überwunden geglaubten Bedingungen unbedingt zu verweigern. Um Gottes Willen, nein. Das wäre ja ein Kompliment. Ich meine damit, Sie suggerieren mit der Darstellung der geringen Belastbarkeit der Ostdeutschen den unkritischen Zuschauern, die noch Steuern und Sozialabgaben leisten können, lediglich Arbeitsunwilligkeit bei den Delinquenten.

Dass auch ein 62 Jahre alter Mann dafür herhalten musste um zu zeigen, dass niemand unter den ungeliebten Arbeitslosen verschont wird, jede noch so unattraktive wie kräftezehrende Arbeit egal unter welchen Bedingungen anzunehmen, macht mich wütend. Nur nicht den Zeitgeist außer Acht lassen, ist wohl hier die Devise (unbedingte Arbeitsfähigkeit bis 67/70 - koste es, was es wolle, wegen der unwirtschaftlich hohen Lebenserwartung).

Erst war ich skeptisch und baff erstaunt, als Sie diesen ausgemergelten Alten ins Rennen geschickt haben, ob er denn...? - Ihre Hiobsbotschaft: Nach einer Woche war er immer noch da, aber die Jungen weg. Ich dachte schon, so kann man sich irren. Aber dann: Hat sich doch tatsächlich auch dieser alte Schlawiener von diesem Schindacker gemacht. Hätte der im Feld oder Gemeinschaftsbett einen Infarkt erlitten, des Bauern Hahn hätte nicht gekräht.

Übrigens, nutzen Sie das Medium Fernsehen endlich auch dazu, solche Leute wie diese Mollochs von Bauern an den Pranger zu stellen. Diese Typen stammen aus einer Zeit, in der die menschliche Würde keinen Pfifferling wert war und Sklavenhalter menschliches Eigentum dahin vegetieren ließen wie Nutztiere heute. Sorgen Sie mit dafür, dass so was Dekadentes sich nicht wieder in unserer Gesellschaft ausbreitet.

Freundliche Grüße - Klaus R.