Denkmal der SED-Diktatur:

Was lehrt uns die Beteiligung der Bevölkerung an solchen Gedenktagen?

Die Feierlichkeit am 17. Juni 2001 auf dem Friedhof in Zittau

Die Rede von Herrn Kurbiuhn zur Feier am 17.Juni 2004: lesen

Abgesehen von der etwas irritierenden Beschriftung dieses Gedenksteins kann die Zittauer Bevölkerung froh darüber sein, dass auch sie auf ein Denkmal verweisen kann, das den Opfern des SED-Regimes gewidmet ist. Aber wenn es nach der Anzahl der teilnehmenden Bürger abzuleiten wäre, hat dieses Denkmal eher etwas von einer Alibi-Funktion: Ein Muss, wie es zu DDR-Zeiten üblich war, regelmäßig wie ebenso stoisch Solidaritätsmarken zu kaufen, an Parteilehrjahren teilzunehmen, an 1. Maidemonstationen Fähnchen zu schwingen und lächerliche Transparente hochzuhalten oder Lippenbekenntnisse zur täglichen Planerfüllung zum Wohle der allmächtigen Partei abzugeben.
Genauso "leidenschaftlich" waren die Menschen Mitglied in den Massenorganisationen oder Teilnehmer an lohnfreien Arbeitseinsetzen. Immer mit dem entlastenden Argument, dazu genötigt worden zu sein. Heute klingt es aus geschwellter Brust selbstbewusst: Wir lassen uns nicht nötigen. Was ja auch stimmt. Nicht einmal durch so etwas Ähnlichem wie das eigne Gewissen. Was nicht vorhanden ist, drückt auch nicht.

Und so versammelten sich einpaar Alte und Gebrechliche, gebeugt aber aufrecht und einsam an diesem erst nach dem Zusammenbruch des Molochs SED schleunigst hingestellten Denkmal, flankiert von einigen Jüngeren und nicht mal einer Handvoll ganz junger Menschen.

Die beschämend geringe Anteilnahme der Bevölkerung in Zittau am Gedenken der Opfer eines Regimes, welches Menschen ohne Rücksicht auf Verluste für sich vereinnahmte, einem Regime, dem es nach Hitler gelang, den meisten Menschen ihre Würde zu nehmen zeigt, wie wenig sich die Menschen mit ihrer eigenen Geschichte identifizieren und wie wenig von dieser überhaupt begriffen worden ist. Ganz streng genommen war jeder von ihnen eigentlich auch Opfer, jedoch ohne Fähigkeit, sich selbst in diesen Zusammenhang zu stellen.

Selbst Volksparteien wie die SPD, deren Mitglieder unter der DDR-Diktatur besonders gelitten hatten, vermochten es nicht, Bürger zur Teilnahme an Gedenkfeiern aus gegebenen Anlass zu mobilisieren. Nicht einmal die eigenen Genossen! Und auch nicht die Jugend unserer Gesellschaft! Das liegt nicht nur an den Lehrern an den Schulen. Die rekrutieren sich ohnehin aus jenen Zeitgenossen, deren Hauptaufgabe es war, aus den Kids treudoofe sozialistische Staatsbürger zu machen. Es liegt auch an den Eltern der Kinder.
Dieses Erscheinungsbild verweist untrügerisch auch auf die Verbundenheit und Identifikationsfähigkeit dieser Organisationen, ihrer Mitglieder, der Lehrer, Väter und Mütter mit dieser unserer jungen deutschen Geschichte. - Wir sind alle unschuldig an dem, was wir verbockt haben.

Aufarbeitung unserer jungen Geschichte? Woher soll das kommen, wie sollte das gehen? Irgendwie sind wir doch alle am anderen schuldig geworden? Es existiert kein individuelles Gewissen dafür und auch kein kollektives.
Wir propagieren dagegen dies: Es gibt keine kollektive Schuld.
- Also auch keine Substanz, keinen Anlass für Aufarbeitung von Ereignissen, an denen die meisten von uns in seiner ganz persönlichen Weise aktiv beteiligt waren, aber kein Schuld- kein Verantwortungsgefühl dafür entwickelt haben. Ob als Täter oder als Mitläufer. Letztere glaubten wohl, sich so aus aller Verantwortung stehlen zu können, weil sie sich blind, taub und stumm stellten. Bloß nicht hingucken, wenn der Nachbar bei Nacht und Nebel von der Stasi abgeholt oder ein Kollege im Betrieb drangsaliert wurde, weil er sich nicht an der Massenheuchelei beteiligte. Bloß nicht nachfragen, was mit diesem geschehen ist, wo er verblieben ist, wenn er plötzlich wie vom Erdboden verschluckt war.

Besonders in Ostdeutschland haben gerade die Menschen kaum oder gar keine Lobby in der Bevölkerung, die sich als Einwohner der Ostzone dem SED-Regime verweigert oder gegen dieses in Erscheinung getreten waren.
So wird ihnen hier und da kaum oder gar keine Sympathie für ihr Verhalten entgegengebracht - über die Gründe hierfür müssen wir die Phsychologie befragen - Darum gibt es auch kaum oder gar keine Verurteilung des Umganges der SED-Diktatur mit diesen Menschen durch die Bevölkerung Ostdeutschlands. Diese steht den Opfern der Diktatur nahezu gleichgültig gegenüber.
Schuld daran ist wohl unser Unterbewusstsein. Zufluchtsmotto: Selber schuld! Lediglich an die Opfer gezahlte „Entschädigungsleistungen“ des Staates in Mark und Pfennig wecken das lebhafte Interesse all jener, die nichts davon abbekommen. Schön - ehrenhaft - wäre gewesen, wenn beinahe jeder der Ostdeutschen Anspruch auf Entschädigung haben würde, wenn er sich denn gegen ihm zugefügtes Unrecht durch die SED und deren Handlanger zur Wehr gesetzt hätte, wenigstens ein bisschen. - Möglichkeiten gab es dazu genug.

Die zwei Redner dieser Veranstaltung konnten wahrhaftig nicht alles sagen, was zu dem Thema "Ehrung von Opfern der SED-Diktatur" unbedingt noch zu sagen gewesen wäre. Nur Herr Kloß, der Zittauer Bürgermeister, lenkte die Aufmerksamkeit der Zuhörer noch auf eine Erscheinung in unserem Leben, deren Erwähnung meiner Auffassung nach aber völlig deplatziert war: Er sprach von der Gefahr durch Sekten, die sich anschickten, uns Menschen unserer Entscheidungsfreiheiten zu berauben. Meinte er vielleicht die SED? Ich hörte keinen Satz zu den eigentlichen Verbrechen der SED und deren Mitglieder in deren gesamter „Schaffensperiode“ bis 1989!
Mit keinem Wort erinnerte Herr Kloß an die Verlogenheit, die Menschenverachtung, die Gefährlichkeit dieses SED-Regimes und deren vermeintlichen Sozialismus. - Das wird seine konkreten, persönlichen Gründe haben.

Die aussagekräftige Teilnahme der Bevölkerung an Gedenkveranstaltungen wie diese – ein Denkmal, eine Demonstration unseres persönlichen wie gesellschaftlichen Gewissens.

17.Juni 2001 – Klaus | Hammer | Gysi