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Zum Tag der Deutschen Einheit

Mittwoch, Oktober 3rd, 2007

Aufarbeitungskultur der DDR-Vergangenheit bis zur Gegenwart

Anne Will-Die Talkshow am 28.09.07. im ARD

Mein Kommentar zur verklärenden, typisierenden Aussage von Fr. Birthler (Stasiakten-Behörde in Berlin), „… nicht alle, die etwas gegen die DDR hatten, wollten weggehen. Sie wollten etwas im Staat verändern …“ Ach so … und die “DDR” behalten.

Frau Birthler muss sich als erstes Fragen lassen, ab wann sie selber eigentlich politisch gegen die „DDR“ aktiv geworden war. Vermutlich erst zu einem Zeitpunkt, wo bereits ziemlich klar gewesen war, dass der Russe die „DDR“ wie eine heiße Kartoffel fallen lassen würde. Wie bei ihr, war es doch bei den meisten der kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch dieser SED-Blockparteien-Diktatur sich profilierenden “Friedlichen Revolutionäre”. Darunter, man sollte es nicht für möglich halten, sogar bekannte Stasigrößen und noch erbärmlichere inoffizielle Mitarbeiter der “Ehrenwerten Gesellschaft”.

Was haben all diese Leute eigentlich bis dahin gemacht, wie hatten sie sich bis dahin in dieser “ehrenwerten Gesellschaft” verhalten, auf welche Weise und mit welcher Intensität hatten sie sich vor dieser Zeit, vor 1989 also gegen diesen menschenfressenden Moloch gestemmt? Haben diese Leute sich als „DDR“-Bürger empfunden? Als Staatsbürger der „DDR“? Hatten sie also die Identität der vermeintlich, von der SED und deren Erfüllungsgehilfen angestrebten neuen „Nation DDR“ angenommen? – Ja!

Als meine Frau und ich gegen die „DDR-Diktatur“ in unserem Lebensumfeld wie auch gegenüber den Behörden unmissverständlich Farbe bekannt hatten und uns als Befürworter einer anderen Gesellschaft zu erkennen gegeben hatten, war von den heldenmütigen Umweltakteuren und friedlich revolutionierenden Widerständlern weit und breit nichts zu sehen; jedenfalls nicht in Sachsen, nicht in unserer Stadt. Und wir hatten keine schutzbietende Kirche als Unterstützung im Rücken. Wir waren völlig auf uns allein gestellt im Kampf gegen die Willkür und Unberechenbarkeit dieses verbrecherischen, menschenverachtenden Molochs. Nicht einmal die Vertreter der Kirche konnten sich seinerzeit dazu durchringen, uns zumindest mit einem wenigstens verbalen Rat behilflich zu sein. Dort trafen wir nämlich genauso wie überall auf taube Ohren; und auf jenen berüchtigten Affen: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Feige waren wir nie, aber 1989 wurden wir auch keine Helden. Das war, wenn man so will, bereits 1973.

In diesem Jahr hatte ich intensive Anstrengungen unternommen, völlig absurde, widersprüchliche Ungereimtheiten in diesem angeblichen Arbeiter- und Bauernstaat offen vor den zuständigen Behörden und Gerichten anzuprangern. Hier ging es zunächst um sozialpolitische Dinge, um menschlichere Arbeits- und Lebensbedingungen in den VE-Betrieben, es ging um Lohngerechtigkeit (von der Alibi- „Gewerkschaft“ total vernachlässigt) und andere gesellschaftliche
Probleme. Meine Versuche, an gesellschaftlichen Unzulänglichkeiten etwas zu verändern, wurden nicht einmal von diesen „Gewerkschaften“ unterstützt (FDGB).

Im Verlaufe der Zeit, in der ich mich mit derartigen gesellschaftlichen Dissonanzen und unerträglichen Verwerfungen beschäftigt hatte, konnte ich auch klar erkennen, dass dieses verkorkste Staatsgebilde nicht wirklich zu verbessern ist, ja nicht einmal verdiente, verbessert zu werden. Es konnte nur beseitigt werden. Doch die Menschen waren längst nicht reif für nicht einmal geringfügige, geschweige denn durchgreifende Änderungen. Aus dieser klaren Erkenntnis entwickelte sich dann folgerichtig die Absicht, die DDR zu verlassen; und zwar auf der Basis eines unerlässlichen, aber von den Behörden stets als legitimes Mittel geleugneten Antrages auf ständige Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland, trotz Zusicherungen der „DDR“ in Sachen Menschenrechtskonvention bei der UNO. Diesen schizophren gekennzeichneten „Staat“ (der in meinen Augen nichts anderes als eine kriminelle Vereinigung war) hinter uns zu lassen, dass war ich schon meiner Selbstachtung und der eigenen Menschenwürde und zuguterletzt dem gesunden (natürlichen) Menschenverstand schuldig.

Es gab also nicht nur ein sogar international geltendes Recht auf die Entscheidungsfreiheit, die DDR verlassen zu wollen, dieses Recht gab sogar das Staatsbürgerschaftsrecht dieses Systems her, nein, es gab darüber hinaus auch noch die intellektuellen Einsichten, auch wenn’s für manche hochtrabend klingt.

Heute wird von Vertretern der Bürgerrechtsbewegungen Ende der 80er Jahre der Eindruck erweckt, dass es geradezu heldenmütig war, in der DDR zu bleiben, um diese zu verändern, lebenswerter zu machen, statt sie (feige?) zu verlassen. Es war auch noch heldenhaft, die „DDR“ so lange und bis zum erbärmlichen Schuss ausgehalten zu haben. Wer’s glaubt …

Als wir schließlich im Jahr 1975 den unumgänglichen Ausreiseantrag gestellt hatten, gab es keinerlei Solidarität mit uns bei den Menschen in unserem Lebensumfeld, weit und breit nicht. Von wegen der immer wieder eigenartig stolz zitierten, hochgelobten “Zwischenmenschlichen Beziehungen” unter der „DDR“-Bevölkerung. Wie es darum wirklich bestellt war und nach der Wende ist, zeigt sich mit aller Deutlichkeit daran, wie die Menschen den auffälligen Rückgang, ja sogar das Verschwinden dieser Beziehungen beklagen. Die “Zwischenmenschlichen Beziehungen” waren nichts weiter als die Grundlage dafür, an diverse Mangelwaren in ihrem durch Mangelwirtschaft in nahezu allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens geprägten Daseins heranzukommen und sich so selbst kleinste Vorteile zu sichern. Die Notwendigkeit einer derart gelagerten „Beziehung“ besteht heute kaum noch, ergo … jetzt ist sich jeder selbst der nächste. Wehe wenn sie losgelassen! Das wahre Gesicht zeigt sich nun als Fratze. Mit dem eigenen inneren Schweinehund will auch keiner was zu tun haben. Wie ehedem. Ein gewisses Schuldgefühl auf Grund der Mitwirkung an einem menschenverachtenden, widersprüchlichen, unannehmbaren System ist in der Bevölkerung nicht vorhanden. Wie auch. Sind sie doch schließlich 1989 zu Helden mutiert.

Was Pfarrer Schorlemmer in diesem eher peinlichen Talk zur „DDR-Aufarbeitung“ beizutragen hatte, war schlichtweg fürchterlich. Dieser Mann wurde zwar von der Stasi bespitzelt, hatte aber immerhin seine beschützende Kirche als Rückhalt. Worin bestand eigentlich dessen Risiko wirklich? Ab wann hat er sich für Politisch Andersdenkende, vor allem solche, die sich offen gegen das Regime gestellt hatten, wirklich eingesetzt? Und wenn, für welches Klientel? Für uns hat sich niemand von denen interessiert, der so aussah wie Schorlemmer.

“Jemand, der gegen geltende DDR-Gesetze verstoße, musste sich über die Folgen im Klaren sein und wissen, was ihn erwarten könnte.“, so Schorlemmer. Diese Aussage ist schon ziemlicher Tobak. Und auch nicht clever; und zeigt wenig Rechtsempfinden. Zudem ist sie pietätlos. Ich hatte das Gefühl, Herr Schorlemmer wollte eine böswillige Botschaft loswerden, nämlich: Selber Schuld. Und Opferrente gibt’s für ihn auch keine. War schließlich nicht eingesperrt, der Schlauberger, dieser Schorlemmer.


Die meisten derjenigen, die sich heute über den „DDR-Knast“ so allwissend großspurig und höchst akademisch ausbreiten, diesen aber nicht am eigenen Leibe erfahren haben, hätten sich möglicherweise täglich neu in die Hose geschissen … Ich selber habe gestandene Männer Rotz und Wasser heulen sehen, in der Zelle, auf ihrer Pritsche hockend.

Klaus R. am 03.10.07