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Vergeßlichkeit als Überlebensstrategie - Seite 1

An alle ewigen „Gelernten DDR-Bürger“ unter uns!
Zum aufrechten Gang gehört auch das in den Spiegel schauen genauso wie die Frage: “Wer (was) bin ich?“


Fast unglaublich: Was der DDR-Bevölkerung nahezu unbekannt war: Sie wurde von Honecker, Miehlke und Co.in "Volkswirtschaftlich wertvoll ..." oder als "... unbrauchbarer Nachwuchskader" eingeteilt: Eine der sprachlichen Entgleisungen made in DDR.

Haben wir schon vergessen, wie wir Weihnachten mit unseren geblümten Nylonbeuteln in den schier unendlich langen Warteschlangen, trotzig und mit Galgenhumor auch Wartegemeinschaften genannt, uns Plattfüße geholt und die Beine in den Bauch gestanden hatten, nur um an einpaar Bananen für die Kinder heranzukommen. Immer mit der bangen Frage auf den Gesichtern: Reichen sie noch, bis ich dran bin? Haben wir uns da vielleicht gar zum Affen machen lassen? Das Pendant zu den 3 gebräuchlichsten Worten der Welt „ich liebe dich“ war in der DDR „ham' wa nich!“ Ham' wa nich ... als Markenzeichen.

Könnt Ihr Euch wirklich nicht mehr erinnern, wie wir losgerannt sind, wenn in der Stadt das Gerücht herumschwirrte, in irgendeinem Konsum gäbe es Apfelsinen (Südfrüchte)? Nein, nicht die Kuba-Orangen, die vertrockneten Dinger wollte kaum einer haben. So trocken wie die waren, ließen sie sich auch noch nur mit Mühe schälen. Wir mussten das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen, um sie überhaupt herunterzukriegen. Fanden wir das nicht zum Kotzen?

Wie glänzten unsere durch die ewige Hatz nach den einfachsten Dingen vor Ermattung schon stumpf gewordenen Augen wieder, wenn wir in unseren eigentlich unansehnlichen Nylonbeuteln - die übrigens schon zum Markenzeichen geworden waren und wir beinahe zu Beuteltieren außerhalb Australiens mutierten - einpaar DDR-alltagsgraue wie alltagsraue Klopapierrollen abstauben und nach Hause tragen konnten. Und die gingen auch nicht gerade sanft mit unsereinem um. Aber immerhin, für die Ärsche war das schlechteste gerade gut genug.

Schließlich taugten die Tageszeitungen, die Sächsische Zeitung (das Ortsblatt , einer der Bezirks-Hämmer der SED) und das Neue Deutschland, Zentralsprachrohr und wuchtiges Instrument dieser Partei, nicht einmal zum Ärschewischen. Mancher bekam davon gar einen roten Hintern, Rotärsche genannt. Und das tat weh. Heute reden die Menschen zwar von den „ Roten Socken“ - zur DDR-Zeit hat es die eigentlich gar nicht gegeben - , von den roten Ärschen aber will keiner mehr etwas wissen.

Oder sind die abscheulichen Kunstlederjacken schon in Vergessenheit geraten, für die wir meilenweit - bis Hoyerswerda oder Berlin - in unseren klapprigen nachsichhin-stinkenden Press-Pappkisten (von uns selber boshaft in einem Anfall von Selbstkasteiung als „Gehhilfen“ bezeichnet und die heute von völlig Begriffsstutzigen gar zum Cult-Status hochgefurzt werden ) - geradelt sind? Berlin - das war wie eine Zauberformel für jeden von uns. Samara. Und wenn wir schließlich im einzigen Warenhaus dort angekommen sind - Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz - , wurden unsere Erwartungen oft enttäuscht. DDR-Provinzmief überall, auch da!

Und denken wir ab und zu noch daran? Wir waren uns nicht zu schade, im Intershop unsere Personalausweise der DDR vorzeigen zu müssen, um mit den paar Mark von Tante Gerda aus dem Westen die damals immerhin noch wohlschmeckende Schokolade, den himmlisch duftenden Bohnenkaffee oder die verführerisch riechende Luxseife bezahlen zu dürfen, nur weil wir es versäumt hatten, dieses Geld vorher in die erniedrigenden Forum-Schecks umzutauschen. Irgendwie war der Aufenthalt im Intershop für uns doch ein aufregendes, exotisches Abenteuer, oder schon vergessen? Und dieses Abenteuer ist uns nun durch die Wiedervereinigung von den bösen Westdeutschen genommen worden. Verfluchte Marktwirtschaft!

Und erst die Delikat-Läden. Was es früher in jedem schmuddeligen Konsum gegeben hatte, fand man nun in diesen Läden wieder, zu überhöhten Preisen versteht sich. Im Konsum suchten wir diese Waren dann vergebens. Und für die Büchse des begehrten Ananas haben wir ohne zu murren glatte 13 sauer verdiente DDR-Märkerchen hingelegt. Heute sehe ich kaum noch Leute, die diese Konserve in ihrem Einkaufswagen haben. Das die Tafel minderwertige Bitterschokolade made in DDR nur für 7 teure DDR- Mark zu haben war, ist doch nur ein Ammenmärchen, oder etwa nicht? Die Butter. Wer erinnert sich nicht an das Wasser, das aus der Butter spritzte, wenn man sich abmühte, diese auf das Brot zu streichen. 1 Stück zu 250 g für 2,50 Mark der DDR. Und da war die angeblich noch vom SED-Staat mit dem gleichen Betrag subventioniert! Was auch als Errungenschaft des realexistierenden Sozialismus dargestellt wurde. Der Stundenlohn eines Facharbeiters betrug gerademal um die 2 Mark, meist noch weniger. Heute kriegen wir ausgezeichnete Butter zum Stückpreis von unter 0,80 Euro, im Angebot oft schon für 0,65 Euro, das waren mal etwa 1,30 DM.

Ach, und das erst: Weil der Eierlikör so teuer war wie ein Tageseinkommen und obendrein nicht so recht schmeckte, haben wir selber welchen fabriziert. Nach dem Motto: Nimm ein Ei mehr. Nur Pech war, wenn ein faules Kim-Ei alles versaute. Den für die eigene Herstellung unerläßlichen „Sprit“ konnten wir uns auf Umwegen gerade noch besorgen. Und so wurde manche Feier erst schön durch selbstgemachten Eierlikör.

Liebe Freunde, liebe unverbesserlichen „Gelernte DDR-Bürger“, die wir vielleicht zu DDR-Zeiten in dem paprikascharfen Ungarn Urlaubsfreuden gesucht hatten. Wißt Ihr noch, da langte das umgetauschte Geld nicht hinten und nicht vorne. Die DDR-Mark wollten unsere Freunde, die Ungarn, auch gar nicht haben. Keiner in den uns übergestülpten Bruderländer wollte die. Selbst im unverbrüchligen Bluts-Bruderstaat Sowjetunion mußten wir schlechte Erfahrungen sammeln. Nicht nur in buchstäblich verwanzten Hotelzimmern. Da sollen doch wirklich die Westdeutschen bevorzugt in den Hotels regelrecht abgespeist worden sein. Wenn es für die Krimsekt gab, mußten wir Wasser trinken (die Westdeutschen konnten dafür nichts). Aber das hat unserer Ehre und unserem Selbstwertgefühl keinen Schaden zugefügt. Wir sind aller Vernunft zum Trotz, hartnäckig wie wir nun mal waren und so oft es die Partei erlaubte, wieder hingefahren. Und sind wir doch endlich einmal ehrlich: Im Verdrängen sind wir Weltmeister.
Heute schreiben wir aus aller Herren Länder großkotzig bunte Ansichtskarten, schwärmen von den Drinks im spanischen Ballermann Sechs und versuchen, den Nachbarn immer wieder mit sensationellen Reiseerlebnissen (das Essen war mies, das Bier zu teuer) und mit einem neuen Auto zu beeindrucken und mit neuen Reiseabsichten aufzuschrecken. Wir machen Urlaub mit allem Drum und Dran. In Polen, der Tschechei oder in Ungarn spielen wir uns inzwischen eben so auf, wie wir es den Westdeutschen damals immer verbittert vorgeworfen und übel genommen hatten; und alles nur dank der hübschen bunten Scheinchen in unserem Portemonnaie, - verfluchte Marktwirtschaft, verdammte.

Apropos Partei. Die hat uns auch verboten, Westfernsehen zu sehen. Und das haben wir uns auch noch gefallen lassen! Na ja, wir im Dresdner Raum sind mit diesem Verbot ganz gut zurecht gekommen, schließlich war unsere Gegend nicht umsonst als das Tal der Ahnungslosen in Verruf geraten. Und damit sind die Sachsen in ganz Deutschland bekannt geworden. Aber trotzdem, wir Unverbesserlichen, haben wir nicht immer und immer wieder an unseren TV- Antennen herumgebastelt und gedreht, nur um wenigstens einpaar, wenn auch nur schemenhafte Ansätze von Bildern aus dem „Westfernsehen“ in die heimische Stube zu holen?
Daß zu Zeiten Ulbrichts Parteigenossen und deren Nachzuchten - FDJ-ler genannt - sogar den Bürgern aufs Dach gestiegen waren, um denen die in verdächtige Richtungen gedrehten Antennen abzureißen, wissen wir auch nicht mehr, wie? Heute kümmert sich nur noch die GEZ darum, wer was fernsieht und sonst niemand. Und die hauen wir doch glatt über's Ohr- mitunter, wenn's sein muss. Da macht der Schwarze Kanal wirklich erst richtig Laune.

Einbißchen Demut würde uns allen bestimmt gut tun. Und unsere Demut würde auch denen guttun, die nicht so vergeßlich sind wie wir.

Was haben wir uns nicht alles bieten lassen in unserer unendlichen Geduld und Güte! - Irrsinnige Wortgebilde wie „Geflügelte Jahresendfigur“ (Engel), „Schüttgutbehälter“ (Sack), „Erdmöbel“ (Sarg), „Feingebäck“ (Brötchen), für Hochzeit "Hochzeitsschließungsobjekt" oder was weniger bekannt war: „Warmkörpermasse“ (Schlachtvieh), wie gräßlich!

Wir regen uns heute darüber auf, wieso in den Ländern des ehemaligen Ostblocks so vieles verwahrlost ist und vergessen, daß uns in den eigenen Städten selber schier das Dach über den Köpfen zusammengefallen wäre, wenn wir nicht die finanzstarke bundesdeutsche Wirtschaft zusammen mit der leistungsstarken Bauwirtschaft - zu der auch jeder Baumarkt zu zählen ist -zur Seite gehabt hätten. Daran sollte wir unverbesserlichen „Gelernten DDR-Bürger“ von Zeit zu Zeit und ab und zu noch denken, bei allem Wohlstand, den wir uns zielstrebig zugelegt haben und so gierig wie ungeduldig vorantreiben. Manche meinen gar, diese unrühmlichen Eigenschaften von den „Wessis“ zwangsweise übergestülpt bekommen zu haben. Entspricht solch eine Verhaltensweise doch überhaupt nicht unserer vielgerühmten Mitmenschlichkeit- als Errungenschaft des Sozialismus gewissermaßen. Heute machen wir um manchen Nachbarn einen großen Bogen. Erstrecht, wenn der arbeitslos ist.

Ach, der Wohlstand und die Ungeduld! Unser Auto zählt auch dazu. Das haben wir doch aber noch nicht vergessen können: Auf einen lausigen Trabanten 14 Jahre zu warten und einen Haufen sauerverdientes Geld dann dafür ausgeben zu müssen. Von anderen Fahrzeugen ganz zu schweigen. Nicht einmal das berühmt berüchtigte Krause-Duo für den Behinderten war für jedermann zu haben. Heute kann jeder sich einen Rollstuhl kaufen, wenn er will, auch ohne bedürftig zu sein. Brauchst du heute einen Reifen für dein Auto, so kriegst du ihn auch. Dafür hast du immer einige Mark übrig. Für Hilfsbedürftige eher nicht. Haben wir schon vergessen, wie das mit den Reifen für den Trabanten, den Wartburg, den Lada usf. war? Könnt Ihr Euch noch an die wunden Hacken erinnern, die uns noch weit vor dem historischen Ausspruch Gorbis gelehrt hatten: ‘Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!’ -mit Blasen eben. Da stellten wir uns hin und begafften jeden Westwagen. Weil die so schön aussahen und der Trabant so mickrig. Heute avanciert dieses Paradebeispiel sozialistischer Autobaukunst zum Identifikations-Vehikel bei den Unverbesserlichen.

Nicht jeder hatte reiche Verwandte im Westen, die der (be) dürftigen DDR-Verwandtschaft einen Golf vor die Türe stellen konnte. Diese Diskriminierung hat ja nun ein jähes Ende gefunden, dank dem Zusammenbruch eines unverzeihlich verlogenen Systems. Heute stehen auf den Parkplätzen kaum noch alte, schrottreife ehemalige westdeutsche Importe, mit denen unsere Brüder und Schwestern aus dem Westen unseren Heißhunger auf einen zeitgemäßen fahrbaren Untersatz schamlos ausgenützt hatten, sondern - gottlob - meist moderne, fabrikneue, wunderschöne Autos. Mit denen wir auch schon wie ehedem unsere Westverwandten aufzutrumpfen versuchen. Bei aller Arbeitslosigkeit eigentlich verwunderlich. Viele von uns verfügen bereits schon mindestens über den Zweitwagen. In der DDR hatte mancher Pfiffige allerdings auch einen Zweitwagen - zur Ersatzteilgewinnung!

Ja, ja, wie die Zeit vergeht! Heute kaufen wir im normalen Warenhaus, was wir früher nicht einmal im superteuren Exquisitladen haben konnten. Diese (De) Generation von Läden hatten sich unsere Arbeiter- und Bauern-Wohltäter für uns ausgedacht, um den anwachsenden Geldüberhang abzuschöpfen. Das war ihre Art, Versorgungsprobleme zu lösen. Ein Geldüberhang übrigens, der sich nicht etwa durch zu hohe Löhne und Gehälter herausgebildet hatte. Wir wissen es alle noch sehr genau, so glaub ich jedenfalls, warum in großen Teilen der Bevölkerung Geld genug über war: Das angebotene Warensortiment reichte nicht aus, um vorhandenes Geld auszugeben. Und für die meisten von uns reichte aber schließlich das Geld doch nicht aus, um die schamlos überteuerten Preise in diesen Sonderläden zu bezahlen. Salamander. Wer kennt diesen Schuhladen nicht. War er doch einer der ersten, die mit angeblich westdeutschen, hochwertigen Schuhen lockten. Die Preise für ein Paar dieser Schuhe waren astronomisch. Damals ging sogar ein Witz in der Bevölkerung um, erinnern wir uns doch mal: Da hatte jemand für viel Geld ein Paar Schuhe bei Salamander gekauft und mußte nach kurzer Zeit feststellen, daß sich die Sohlen ablösten. Unsere Schlußfolgerung? Auch der Westen baut Mist! Wie sich herausstellen sollte, waren diese Schuhe eigentlich nicht zum Tragen an beweglichen Füßen gedacht, sondern dazu bestimmt, die Füße jener zu bekleiden, die auf der Suche nach dem Licht im Tunnel entmutigt aufgegeben und das zeitliche gesegnet hatten, es sollen Totenschuhe gewesen sein! Doch wer kann sich noch an derart makabre Gerüchte erinnern? Über die Existenz solcher und ähnlicher Luxus-Geschäfte gab es viele bissige Geschichten.

Der Exquisitladen: Ein Laden zum Verladen? Manche waren sogar noch stolz drauf, dort für teures Geld doch nur meist minderwertige Ware eingekauft zu haben. Wo waren die jenigen, die heute immer noch bei ihren Enttäuschungsanfällen über angebliche oder sogar tatsächlich vorhandene Ungerechtigkeiten bei der Wiedervereinigung den legendären Ruf heraufbeschwörten: „Wir sind das Volk!“ Damals, vor den Intershops, den Exquisitläden, den Delikat-Läden oder Salamandergeschäften hat sich keiner aufgebaut, die Arme in die Hüften gestemmt und gerufen: „Wir sind das Volk“!
Was waren wir doch stumm. Sie hatten uns beleidigt, verarscht, bevormundet, gedemütigt. Wir aber waren stumm. Wie hatte Erich Kästner seinerzeit trefflich formuliert: ‘Nur die allerdümmsten Kälber wählen sich ihren Schlächter selber.’ Und wir sind wählen gegangen, jedesmal. Wir hatten diese SED nicht nur satt bis obenhin, sondern auch wieder gewählt, obwohl den meisten von uns klar war, daß dieser eigentlich asoziale Haufen für uns nichts Gutes im Schilde führte. Aber heute! Da zeigen wir es den Parteien. Da verweigern wir enttäuscht und gekränkt den demokratischen Wahlaufrufen den Gehorsam, bei allen gefüllten Regalen in den Supermärkten mit durchaus erschwinglichen Inhalten zum Trotz. Was sind wir doch für Helden.

Was für eine Gesellschaft wollen wir eigentlich?! Viele von uns wissen es selbst nicht. Auch die nicht, die davon labern, wir hätten so etwas wie Zwischenmenschlichkeit in die Wiedervereinigung eingebracht. Wer so denkt wie diese „DDR-Prinzen“, welche gar singend behaupten, man müsse „ein Schwein sein in dieser Welt“, der stellt sich genauso ein ungeheures Armutszeugnis aus. Der wird die Welt bestimmt nicht besser machen. Wie heißt es doch gleich so zutreffend? „Der wahre Freund erweist sich in der Not (Schiller?)“. So ist es auch mit dem Wert zwischenmenschlicher Beziehungen. Und wie verhalten wir uns heute? Zum Glück gibt es noch Ausnahmen. Und die verbreiten nicht solchen Quatsch wie diese „Prinzessinnen“ aus dem Kirchenchor.

Heute gehen wir ganz selbstverständlich in den Baumarkt. Wenn wir einen Sack Zement benötigen, brauchen ihn nicht zu klauen oder von Reichsbahn-Güterwagen zusammenzukratzen. Oder Fliesen fürs Bad. Früher mußte ich mich demütigen lassen, um wenigstens die Aussicht darauf zu bekommen. Meist ist es auch nur bei der Demütigung geblieben. Deshalb haben auch so viele geklaut, was sie nicht käuflich erwerben konnten. Das Klauen von „Volkseigentum“ war zwar für die Verursacher dieses Booms kriminell, weniger aber für die Bevölkerung. Da war es eher zu einer volkssportlichen Disziplin geworden. Klauen, was nicht niet- und nagelfest war. Klauen - die Überlebensphilosophie.
Doch wer will sich an sowas noch erinnern? Zynisch hatten pfiffige Mitbürger den Sinn der marktwirtschaftlichen Devise etwas verbogen: Aus den Betrieben ist noch weit mehr herauszuholen, hieß es trotzig. Leider sind viele Mitbürger dieser Devise auch nach der Wende treu geblieben, obwohl die damals sicher verständlichen Motive längst nicht mehr gegeben sind. Gelernt, war schließlich gelernt. Bauen - das war für alle, die keinen direkten Draht zu den Machthabern besaßen, ein Drama unvorstellbaren Ausmaßes. Viele sind daran kaputt gegangen. Mancher baute jahrelang an seinem Häuschen, aber es wurde nie fertig. Ein schwer erkämpfter Erfolg, an das benötigte Baumaterial herangekommen zu sein, ließ sich in den seltensten Fällen wiederholen. Haus fertig - Bauherr kaputt.

Bier her, Bier her, oder ich verdurste“, singen die halbvollen Gäste im Münchner Hofbräuhaus oder auf Mallorca. Und auch der ehemalige „Gelernte DDR-Bürger“ in seinem Sessel vor der Klotze (endlich Westfernsehen!) greift immer und immer wieder in den Kasten neben sich. Ja, das gute alte Wernesgrüner! Ach, unser Radeberger! Früher war das ein Produkt für den Klassenfeind, nichts für den planerfüllungsgestressten Werktätigen. Früher war das beste für den Klassenfeind gerade gut genug. Der Werktätige in der DDR fühlte sich privilegiert, wenn er ein Radeberger leeren konnte. Heute kann sich jeder von uns daran ergötzen.
Wir hatten sogar die göttliche Gabe, uns an leeren Flaschen zu erfreu'n, die andere ausgetrunken hatten. Unsere Weltverbesserer hatten uns sogar soweit gebracht, die leergetrunkenen Bierbüchsen unserer Brüder und Schwestern im Westen aus den Abfallkörben zu klauben, wo sie dann auf einem hübschen Regal im Wohnzimmer oder in der Küche das Auge ihrer stolzen Besitzer erfreuten. Bis einem die Tränen kamen. Wenn ich an die zahllosen Sommer denke, in denen es nur großen Organisationstalenten gelang, einen Kasten selbst des einheimischen Bieres zu ergattern.
Und wie hatten uns die „Volkswirtschaftler“ auch noch bei dem Bier betrogen, dessen wir manchmal doch noch habhaft werden konnten. Da gab es kein Deutsches „Reinheitsgebot“. Da wurde gesoffen, was der sozialistische Bieralltag so her gab. Pils mit Rindergalle verbittert - Hopfen und Malz waren für den SED-Klassenfeind bestimmt -, Helles, mit Reis angesetzt, weil es kaum noch Malz für die Brauereien gab. Hopfen und Malz verloren. Und viele andere Schweinereien, mit denen das Bier für den Werktätigen zusammengepanscht worden war. Für „ihre“ Bürger war der DDR das Schlechteste nicht schlecht genug. Heute ist mir auch klar geworden, warum ich nach dem „Genuß“ mehrerer Biere immer so schlecht drauf war: Nicht, weil das letzte etwa schlecht gewesen sein könnte, sondern schon das erste! Da waren nicht nur Hopfen und Malz verloren!

Fleischer: Für den Lachsschinken mußten wir uns sehr tief bücken. Doch halt! Das stimmt nicht ganz! Es war die Verkäuferin hinter der Verkaufstheke. Aber das höchsten zweimal im Jahr: Zu Weihnachten - was die SED-Knaben ja am liebsten auch abgeschafft hätten – und zu Ostern. War da nicht der Ostermontag nicht schon längst zum normalen Kampftag, sprich Arbeitstag und Planerfüllungstag gemacht? Oder war's der Pfingstmontag? Sie haben uns einen Tag Urlaub mehr gegeben im Jahr, dafür zwei kirchliche Feiertage gestrichen. Schon vergessen, diese miesen Tricks?
Auch die Bäcker blieben nicht sauber. Die Preise für ein Brötchen veränderten sich zwar nicht, dafür wurden die Brötchen immer kleiner. Und das haben wir auch noch geschluckt. Übrigens, da hat sogar der Kapitalist gestaunt und noch was dazu gelernt.

Gaststätte - gastliche Stätten? Warten in Zweierreihe. Da war der Kellner König! Wir konnten von dieser Spezies noch so eine schlechte Meinung haben und von ihr noch so wenig halten, aber wenn es darum ging, einen der begehrten Plätze an den Futternäpfen zu ergattern, haben wir die Stellung dieser Typen schon mal übertrieben freundlich akzeptiert und zu ihnen raufgeschaut. War ja für einen guten Zweck. Und wenn uns der Anblick des grauen, abgenagten Alubestecks und der grau gewordenen Plastikteller im tiefsten Innern schmerzte, waren wir doch, wenn uns die Bedienung schließlich die Gnade der Beachtung schenkte, glücklich: Wäßrige Kartoffel dampften unter der Nase, der Gulasch war zäh wie Kaubonbons und das Sauerkraut ausgelaugt, als hätte es der Vorgänger liegen lassen. Gemüsebeilagen, wie wir das seit der „Wende“ kennen, gab es definitiv nicht. Aber die grüne oder rote Limo, die war gut! Ehrlich! Ach, was waren das für Zeiten. Unsere gute alte DDR!

Lebensqualität: Telefonieren nur mit Buschtrommel oder Mitgliedsausweis beim Stasi. Inzwischen ist die Phase, wo wir uns über die Handy-Benutzer lauthals aufgeregt haben, fast vorbei. Angeber! Wichtigtuer! Heute sieht man schon Krause-Duo-Fahrer hinter ihrem rostigen Lenker per Handy telefonieren. Wir sind ja lernfähig und akzeptieren das. Immerhin hat heute fast jeder, der sich in der Dino-Saurierzeit nicht mal in seinen wüstesten Phantasien hätte vorstellen wollen, überhaupt so ein Ding wie Telefon je in Gebrauch nehmen zu dürfen, sein eigenes Telefon - sogar drahtlos - und kann sich mit beiden Fäusten auf das Brustbein schlagen und inbrünstig und selbstbewußt rufen: „Wir sind doch schließlich keine Affen!“ In Erinnerung an jene Zeit steht hier und da ein Telefon in Bananenform auf dem Tischchen. Verfluchte Marktwirtschaft. Jeder Arsch kann dich heute anrufen. Das hat's früher nicht gegeben. Marktwirtschaft- verfluchte.

Ein Bad, ein Königreich für'n Bad! Waren es 400 Stunden oder mehr, die man neben einem Betrag von etwa 2500 DDR-Mark für eine Wohnung mit zeitgemäßen Komfort ohne Bezahlung abzuleisten hatte? Da gab es aber noch weitere Hürden, um an eine Arbeiter-und Bauernwohnung ranzukommen, von denen böswillige Zungen behaupteten, die Wände derselben seien so dünn, daß man sogar den Eisprung der Nachbarin hören konnte. Alles Lüge. AWG, eine Zauberformel. Asbesthaltiger Putz in den vier Wänden! AWG wie Asbesthaltige Wohngemeinschaft. Selbst „gebildete“ sozialistische Staatsbürger haben sich so etwas gefallen gelassen. Unglaublich! Heute meckern gerade sie über jeden noch so kleinen, unbedeutenden Riß im Putz oder winzigen Farbfehler in der Schockfliese, mit der sie doch der Verwandtschaft oder den Nachbarn eigentlich lange Gesichter verpassen wollten.

Kein Bad, aber Ofenheizung, schmutzige Luft, Ruß zwischen den Fenstern, schwarze Popel in der Nase. Igitt. Daher kommt wohl der ausspruch, Zitat:"Du bist doch nicht ganz sauber!" Die Wahl der eigenen Wohnung: Die SED und ihre Handlanger haben uns auch noch vorgeschrieben, wieviel Wohnraum eine Familie zu beanspruchen hat. Bis 1 Kind stand dem „Normalbürger“ lediglich eine Zweiraumwohnung zu. Erst mit dem zweiten Kind entstand der Anspruch auf ein Kinderzimmer für den ach so umsorgten Nachwuchs an sozialistischen Persönlichkeiten. Ledige hatten fast keine Chance, überhaupt eine eigene Wohnung zu bekommen. Denn Anspruch auf eine Wohnung entand erst mit einer Eheschließung. Und das war Gesetz.
Fortsetzung Seite 2

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