Thema Sabine Christiansen am 30.10.05

"Arbeit-nein danke!" Mit dieser Kampagne einer Frau wie Rita K.-U. wird ein weiterer unglaublich verkommener Versuch gestartet, die sog. "Kleinen Leute" auf ganz niedrigem Niveau gegeneinander auszuspielen. Womit verdient diese Frauengestalt eigentlich ihr Geld? Wer bezahlt die? Von wem stammt das Geld?

Für deren Kampagne müssen u.a. die Kleinverdiener wie Verkäuferinnen oder Frisörinnen oder Wurstverkäufer oder sonst noch was herhalten, wie die inzwischen berühmten Gurkenflieger im Spreewald. Die Verkäuferin insbesondere im Osten muß sie mir zeigen, die 1100 Euro netto im Monat verdient. Rita weiter: Es könne nicht sein, dass Hartz 4-Schmarotzer unterm Strich mehr Geld zur Verfügung hätten, als z.B. die für ihre Kampagne benutzten Arbeitnehmer. Das sei sozial ungerecht. Eine als Negativbeispiel zitierte allein erziehende Mutter mit 3 Kindern ist um ihre Sorgen, keinen geeigneten Erwerbsarbeitsplatz zu bekommen, auch nicht zu beneiden.

Wenn das aber sozial ungerecht ist, dann muß diese Ungerechtigkeit selbstredend beseitigt werden, will man einer glaubwürdigen wie menschenwürdigen Logik folgen: Die Löhne der Genannten müssen demnach entsprechend angehoben werden, um ein gesundes Gefälle der Arbeitenden zu den im Regelfall unfreiwillig Nichtarbeitenden herzustellen. Denn nicht an einem Erwerbsarbeitsplatz arbeiten tun die allermeisten der Betroffenen nicht aus Jux und einer immer wieder ins Spiel gebrachten Mitnahmementalität heraus. Das müßte eigentlich inzwischen selbst intellektuell weniger ausgestatteten Zeitgenossen klar werden oder klar geworden sein.

Und bei W. Clements Vorstellung von Toleranzen zwischen 10 und 20 % verübten Mißbrauch beim Bezug von Hartz 4 kann ein Mensch mit gesunden Menschenverstand schon ins Grübeln kommen, zumindest was die Glaubwürdigkeit an sich und in seine Rechenleistung und gegenüber seiner Person angeht.

Und bei Clements übel riechender Mistrauenkampagne ausgerechnet gegen die Opfer verfehlter Wirtschafts- und Sozialpolitik entsteht der Eindruck, in dieser unser Bundesrepublik gäbe es ausreichend, ja massenhaft Arbeit, nur die Arbeitslosen wären so schwer dazu zu bewegen, welche davon anzunehmen.

Sicher gibt es auch heute gelegentlich Arbeit, die rundum so unattraktiv ist, dass kein normaler Mensch bereit wäre, sie ohne massiven, existenzbedrohenden Zwang anzunehmen. Gucken wir ehrlicher Weise mal an uns selber runter.

Wäre ich, wärst du bereit, wirklich jede noch so krankmachende, mies bezahlte, gesellschaftlich verpönte, körperlich kaputt machende Arbeit anzunehmen? Wohl kaum. Versuchen wir also fair und anständig zu bleiben. Und bei allen Ungereimtheiten leisten wir uns auch noch hohle Sprüche wie "Arbeit muß sich wieder lohnen!"

Aber das Verrückte ist doch: Selbst solche unattraktiven Arbeitsplätze haben in unserem Arbeitsmarkt schon Seltenheitswert. Die betroffenen Menschen können den Anfeindungen verlogener, unaufrichtiger, unfairer Politiker und Journalisten aber nicht ausweichen, in dem sie kurzerhand zum nächsten Arbeitgeber rennen und wild entschlossen einen Job annehmen. Und das macht unsere Gesellschaft als Ganzes so verlogen und unfair und die darin gegen die Menschen agierenden Zeitgenossen so verachtenswert.

Ein Musterknabe wie dieser Erich Pipa, SPD-Mann und Landrat irgendeines Kreises, spricht gar von "parasitären Verhalten" bei den Hartz 4-Betroffenen. In unserer noch nicht lange zurückliegenden Nazizeit wurden u.a. solche Menschen als "Volksschmarotzer" diffamiert, in KZs gesteckt und im Zuge einer gesamt-gesellschaftlichen Initiative wie der "Endlösung" entsorgt. Für diese Endlösung hatten sich nahezu alle nicht betroffene Bürger aller Bildungsschichten stark gemacht und dienstbeflissen eingesetzt - und schuldig gemacht.

Clement trägt hier mit seiner selbst beteuerten Ehrlichkeit im Umgang mit pikanten Begriffen wie Sozialschmarotzer und Parasitären Verhalten zur Hoffähigmachung des alten Begriffs des Volksschmarotzers vorbildlich bei. Deutlich läßt sich ablesen, wohin diese vermeintliche Demokratie und Rechtstaatlichkeit abdriftet, auf die wir eigentlich so stolz sind.

Blinder Aktionismus nicht nur beim Angehen von Problemen, die uns durch unseren üblen Umgang mit den von uns total abhängigen Mitgeschöpfen in Tiergestalt "überraschen", nein, auch menschenverachtender Aktionismus gegenüber - auch hier wieder - hausgemachten Problemen im Zusammenhang mit dem Arbeitsmarkt und dem davon abhängigen Existensrecht von Menschen und bei der Bewältigung von Aufgaben unsere Zukunft betreffend.

Über noch etwas muß man sich im Klaren sein: Der Mob unterscheidet beim Draufschlagen auf die "Hartz 4-Schmarotzer" eigentlich nicht zwischen denen, die - wie auch immer zustande gekommenen - enthüllenden Äußerungen in die Mikrofone der Stimmungsmacher gemacht haben und denen, die entwürdigt und verachtet im Abgrund einer mehr und mehr die Menschenwürde verletzenden Gesellschaft liegen und darunter leiden, mit nichts anderem als durch Konsum zum Bruttosozialprodukt beitragen zu dürfen.

Zum Schluß noch ein Gedanke zu Clements Entschuldigung gegenüber dem Vertreter der Wirtschaft, es sei lediglich eine Feststellung aber kein Vorwurf, die Unternehmer hätten der Politik mit dem lukrativen Wegfall von Arbeitsplätzen in Deutschland die Probleme mit dem Arbeitsmarkt zugeschanzt:

Clement sollte seine Feststellung getrost und sehr deutlich auch Vorwurf nennen! Denn diesen Vorwurf haben die Unternehmen mehr als verdient.

Klaus - 30.10.05